Willkommen in der fernen Zeit des Androzän

 

Kommt mit uns auf eine Zeitreise in eine Epoche, die soweit zurückliegt, dass  Berichte davon uns wie fantastische Erzählungen erscheinen. Und doch können wir heute immer noch die Überreste dieser Zivilisationen finden: Altertümliche Gegenstände gefertigt für den kurzen Gebrauch aus Stoffen für die Ewigkeit. Die meisten davon sind unvergänglicher Abfall, doch manche geben uns Auskunft über die Gedankenwelten ihrer Erschaffer.

In der ersten Sammlungsausstellung des Archivs konzentrieren wir uns vor allem auf das Zusammenleben und die dieser Zeit spezifischen Machtdynamiken. Im Androzän war die genetische Ausprägung biologischer Geschlechtsmerkmale ein wichtiger Identifikationsfaktor, auf dessen Grundlage zwischen Herrschenden und Beherrschten unterschieden wurde.

Auch wenn diese Gesellschaftsschichten in engen Beziehungen miteinander lebten, gab es ein komplexes System aus sozialen und technologischen Mechanismen, das der Unterdrückung der Frauen durch die Männer diente.

Wie die Beherrschungstechniken im täglichen Leben funktionierten, möchten wir in dieser Ausstellung anhand von Praxis­beispielen greifbar machen.

Darstellung des relativen Zeitpunkts des Androzaen
Androzän (von andros ἀνδρός: Mann und kainós καινός: neu)

Die geochronologische Epoche folgte auf das Holozän. Das Androzän war durch Gesellschaften geprägt, die von Menschen beherrscht wurden, die sich qua Geburt als Männer und Proto-menschen identifizierten. Eine Ethik der Dominanz durch Anhäufung materieller Werte führte mit zunehmender Geschwindigkeit zum Raubbau finiter Ressourcen zwecks Produktion und Handel von Objekten aus nicht-biologisch-abbaubaren Materialien mit sehr kurzer Nutzungsdauer. Die ökologischen Folgen waren so drastisch, dass trotz der kurzen Dauer des Androzän, es eine abgeschlossene und geologisch klar identifizierbare Epoche in der Erdgeschichte darstellt.

Geochronologisch ist es damit eine höchst interessante Epoche, da zum ersten Mal in der Erdgeschichte Lebewesen für umfassende Veränderungen der Biosphäre, Atmosphäre, Klima und Geologie des Planeten verantwortlich waren. 

Unterirdische Sternreisen

Nur Männer fuhren Bahn

Hier verhalf uns die androzäne Liebe zu langlebigen Giftstoffen zu einem seltenen Fund: Der Epoxernstein hat ein Papierstück eingeschlossen, was sonst schon lange verrottet wäre. Darauf zu erkennen, ist ein Orientierungsplan für eine der urbanen Tunnelbahnen des Androzän.

Wir kennen diese auch aus urbanen Ausgrabungsstätten, und das Grundlayout für diese Transportwege ähnelt einem Stern. Im städtischen Zentrum waren die gläsernen Büropaläste angesiedelt. Von dort aus führten die Tunnel sternförmig zu den Stadträndern, wo sich die Wohnbauten befanden. So konnten vor allem die Herren schnell und komfortabel zu ihren Arbeitsstellen transportiert werden. Da wir wissen, dass androzäne Frauen sich neben Erwerbsarbeit auch um Besorgungen, Kinder und alte Menschen kümmern mussten, führten ihre Wege sie häufig abseits der zentralen Achsen der Sterntunnel.
Da dies bedeutet, dass die Tunnelbahnen nur die Bewegungsmuster der Männer abbildete, wird diskutiert, ob Frauen überhaupt Zugang zu solchen öffentlichen Verkehrsmitteln hatten. Denkbar wäre auch, dass die Besitzer der Büropaläste bestimmten, wer auf diesem Weg in die Städte fahren durfte. Wie auch bei Artefakt 1903, dem Abdruck des Zweiradsitzes, zu sehen, war Mobilität für Frauen erschwert und gefährlich. Die Absicht dahinter war wahrscheinlich, einfacher Kontrolle auf sie ausüben zu können und ihren Bewegungsradius klein zu halten.

Leistendruck

Keine räder für Frauen

Der Abdruck zeigt die Sitzfläche eines kleinen, zweirädrigen Fortbewegungsmittels. Alle bisher aus dieser Zeit aufgetauchten Sitzteile der sportlicheren Ausführungen sind ausschließlich für die typische Anatomie des Mannes ausgelegt. Auch die Rahmenkonstruktionen dieser Zweiräder sind durch ihre Kräfteverteilung auf den Körper lediglich für männliche Fahrer geeignet. Bei Frauen würden längere und regelmäßige Benutzung eines solchen Instruments zu erheblichen Schmerzen, Verwachsungen und starken Beeinträchtigungen im Leistenbereich führen. Daher können wir darauf schließen, dass es zu dieser Zeit Frauen nicht erlaubt war, an sportlichen Wettbewerben mit Fahrzeugen teilzunehmen. Wahrscheinlich war es insgesamt äußerst selten, dass Frauen überhaupt Fahrzeuge nutzen durften. Heutzutage wird vermutet, dass sich die Frau nur unter großem Aufwand zwischen ihrer Lohnarbeitsstätte und Zwangsarbeitsstätte (Wohnort) bewegen durfte. Durch den großen Zeitaufwand und die bewusst niedrig gehalten körperliche Gesundheit, konnten sich die männlichen Herrscher Gewiss sein, dass ihre weiblichen Untertanen weder Zeit noch Kraft hatten aufzubegehren oder zu fliehen.

Überdosis auf rezept

Unsere Analysen nahezu aller Medikamente dieses Zeitalters haben ergeben, dass sowohl alle erfassten Dosierungen als auch die Zusammensetzungen der Mittel nur für Männer entwickelt wurden. Die unterjochten Frauen oder andersgeschlechtliche Menschen hätten bei Einnahme der chemischen Drogen mit Falschdosierungen und erheblichen Nebenwirkungen rechnen müssen. Wahrscheinlich hatten zu dieser Zeit Frauen nur sehr begrenzten Zugang zu medizinischer Versorgung, und waren dabei der Gnade ihrer Herrscher ausgesetzt.

Bei mumifizierten Körpern der Zeit konnten wir jedoch Feststellen, das zumindest chirurgische Eingriffe auch bei den weiblichen Menschen dieser Zeit vorgenommen wurden. Einer der am häufigsten beobachtete Eingriff war das komplette Entfernen der Gebärmutter. Hier vermuten viele Forschende auch rituelle, kultische Hintergründe bei denen die operative Anpassung des weiblichen Körpers an den des Mannes im Vordergrund stand, da die sich große Häufigkeit der Eingriffe nicht in dem Ausmaß mit medizinischer Notwendigkeit begründen lässt.

Auch das Lehrmaterial der Medizinmänner dieser Zeit zeigt so gut wie keine Aufzeichnungen über weibliche Menschen, sondern spricht von Männern allgemein als Menschen. Dies ist ein Indiz darauf, dass alle andere Geschlechter dieser Zeit entmenschlicht wurden. Die Dehumanisierung zu unterwerfender oder als feindlich betrachteter Menschen ist eine häufige Taktik früher Gesellschaften, um die schlimmsten Gräueltaten zu legitimieren. Eine Überlegung die sich durchaus mit unserem bisherigen Verständnis dieser Zeit deckt.

Serva ex machina

Dienen ist weiblich

 

Im späten Androzän setzten die Technokraten einflussreicher Konzernstaaten große Hoffnungen in eine digitale Dienerinnenschaft. 

Ganz ihren menschlichen Vorbildern entsprechend, wurden sie mit weiblich konnotierten Namen und Stimmen ausgestattet. Wir konnten einige Codefragmente wiederherstellen, die aus simplen Konversationsskripten bestanden, die sich primär um Terminkalender, Bestellvorgänge und Lichtschalter zu kümmern schienen. Wahrscheinlich aufgrund dieser starken Beschränkungen, wurden sie ironisch auch als „Künstliche Intelligenzen“ bezeichnet. 

Aus heutiger Sicht wirkt es geradezu lächerlich, bei solch primitiven Apparaten zu versuchen, die Illusion einer Menschenähnlichkeit zu erzeugen. Jedoch spiegelt dies das Bild der idealisierten Frau jener Zeit wider: Unterwürfig, willenlos und bereit ihren Herren jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Einige Forschende haben die Theorie postuliert, dass diese Digitalen Dienerinnen langfristig die menschlichen Dienerinnen ersetzen sollten, scheinen aber an den technologischen Limitationen gescheitert zu sein.

Modezwänge

Frauenkleidung diente ihrer Unterdrückung

Eine typische Festtracht einer Dienerin im späten Androzän. Typisch für die Kleidungsstücke der Dienerinnenklasse ist, dass sie nur sehr selten Taschen aufwiesen. Selbst wenn vorhanden, dann waren diese so klein, dass sie nur dekorativen Zwecken dienen konnten. Es wirkt im ersten Moment paradox, dass Frauen zu dieser Zeit keine funktionalere Kleidung tragen durften, obwohl sie einen Großteil der Arbeit verrichten mussten. 

Aber auch dies folgte ganz nach den Mechanismen der androkratischen Gesellschaftsordnung. Dadurch, dass Frauen keine Gegenstände am Körper führen konnten, waren sie gezwungen Taschen bei sich zu tragen. Diese Taschen waren absichtlich umständlich gestaltet, so dass mindestens ein Arm benötigt wurde, um die Tasche zu fixieren und beide Arme, um Gegenstände aus oder in die Tasche zu befördern. Damit konnte die Wehr- und Bewegungsfähigkeit der Frauen weiter eingeschränkt werden. Bei vielen dieser Artefakte fällt auf, wie effizient sie darin waren, auch kleine Tätigkeiten des Alltags für Frauen deutlich zu erschweren.

lang lebe der könig

Durften Frauen Fussball spielen?

In vielen Kulturen des späten Androzän waren Ballsportarten sehr populär. Auf dem ganzen Eurasischen Siedlungsgebiet war dabei ein Spiel, das mit den Füßen gespielt wird, besonders stark verbreitet und lockte in großen Arenen riesige Zuschauermassen an. Die Zuschauenden unterteilten sich in verschiedenen Stämmen und jeder besaß besondere Kultroben in den Farben des Stammes. Der Sport hatte so eine herausragende Bedeutung für die Menschen im Androzän, dass er »König Fußball« genannt wurde. Bei dem vorliegenden Artefakt handelt es sich um spezielle Schuhe, die dafür benutzt wurden, den Sport zu betreiben. Es gab sehr viele unterschiedliche Ausführungen dieser Schuhe, wir haben jedoch keine gefunden, die für weibliche Füße und die andere Gewichtsverteilung und Kniestellung weiblicher Körper gemacht wurden. 

War der Fußballsport aufgrund seines hohen gesellschaftlichen Prestiges der männlichen Elite vorbehalten, oder durften Frauen aus kultisch-religiösen Gründen keinen Ballsport treiben? Wie man auch an Artefakt 1903 sieht, war Sport insgesamt für Frauen anscheinend schwer zugänglich oder ein Tabu. Fürchtete man körperlich trainierte Frauen im Falle eines Aufstandes?